Category: Erinnern, Hannoverscher Bahnhof, NS

Der letzte Ort, den Hamburger von ihrer Heimatstadt sahen

Nachdem der neu gebaute Hamburger Hauptbahnhof den Hannoverschen Bahnhof Anfang des 20. Jahrhunderts als Personenbahnhof abgelöst hatte, wurde er hauptsächlich als Güterbahnhof weitergenutzt. Das nationalsozialistische Regime nutzte den etwas abgelegenen Bahnhof dann ab 1940 als Deportationsbahnhof, um Hamburger Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma in die Konzentrationslager im Osten des Reiches zu verschleppen. Insgesamt 20 Deportationstransporte fuhren zwischen 1940 und 1945 vom Hannoverschen Bahnhof ab und transportierten dabei mindestens 7.692 Jüdische Menschen, Roma und Sinti in die Lager und Ghettos, wo sie unter unwürdigen Bedingungen zu Zwangsarbeit gezwungen wurden. Die Mehrheit der Deportierten überlebte das nicht. Für sie war es der letzte Ort, den sie von ihrer Heimatstadt sahen.

Der erste Zug mit Verschleppten verließ am 16. Mai 1940 den Bahnhof. Er transportierte 910 Sinti und Roma aus ganz Norddeutschland in das polnische Lager Bełżec, wo sie zu schwerer Zwangsarbeit gezwungen wurden. Nach Verlegung in ein ehemaliges Gefängnis in Krychow wurden sie im Winter 1940/41 sich selbst überlassen. Diejenigen, die den harten Winter überlebten, wurden häufig wieder gefangen genommen und in polnische Ghettos oder nach Auschwitz-Birkenau verschleppt.

Ein zentraler Ort der Verschleppung

In den folgenden Jahren wurde der Hannoversche Bahnhof zu einem zentralen Ort für die Verschleppung norddeutscher Mitmenschen in Arbeits- und Vernichtungslager. Mehrere Züge transportierten häufig mehrere hundert Menschen nach Auschwitz und ins „Vorzeigelager“ Theresienstadt. Viele Verschleppte wurden mehrfach von einem ins andere Lager verlegt. Vor allem Theresienstadt war meistens nur eine Durchgangsstation, bevor die Gefangenen von dort aus in die Vernichtungslager gebracht wurden.

Jetzt erst recht: Gedenken heißt Widerstand

Das Gedenken an die jüdischen, aber auch an die Sinti und Roma unter den Opfern ist ein wichtiger Akt des Widerstandes gegen Bestrebungen, die Gesellschaft aufgrund rassistischer Motive zu spalten. Eine Spaltung in „gute“ Menschen, die ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben und „schlechte“ Menschen, denen dieses grundlegende Recht abgesprochen wird.

Vor allem Sinti und Roma sind häufig vergessene Opfer der Faschist*innen und ihrer menschen­feindlichen Vernichtungspolitik. Doch gerade Sinti und Roma sind eine Gruppe, die weiterhin starke Diskriminierung bis hin zur Gewalt fürchten muss, sowohl auf dem Balkan als auch in westeuro­päischen Ländern wie Frankreich oder Italien. Dennoch werden immer wieder nach Deutschland geflüchtete Sinti und Roma abgeschoben. Ihre Asylanträge sind selten erfolgreich, denn trotz weitverbreiteter Diskriminierung werden sie als „Armutsflüchtlinge“ verunglimpft und ihre Herkunftsländer als „sichere Herkunftsländer“ eingestuft. Die momentanen Tendenzen zu einer unsolidarischen, diskriminierenden und rückwärtsgewandten Gesellschaft erfordern entschiedenen Widerspruch und ein Gedenken an das, was solche Tendenzen in Deutschland in der Vergangenheit anrichteten.

Kein Vergeben, kein Vergessen.

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